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Ab 1. Juli 2021 gehen unsere beiden #StolenMemory-Ausstellungscontainer auf Tour und werden bis Ende des Jahres an über 20 Orten in ganz Deutschland Halt machen, um ihre Türen für Besucher*innen zu öffnen. 

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Schicksale von zehn KZ-Häftlingen aus verschiedenen europäischen Ländern, deren persönliche Gegenstände Teil der Sammlung der Arolsen Archives sind. Einige dieser Erinnerungsstücke konnten wir bereits an die Familien der Verfolgten zurückgeben. In den anderen Fällen suchen wir noch die Angehörigen. Die Ausstellung lädt das Publikum ein, selbst auf Spurensuche zu gehen und die von den Nazis gestohlenen Erinnerungsstücke zurückzugeben.

Die Ausstellung im Übersee-Container wird durch die Maßnahme „Kultur im ländlichen Raum“ der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert und ist deshalb an vielen Standorten mit weniger als 20.000 Einwohner*innen zu Besuch. Die Wanderausstellung wird aber auch in größeren Städten wie Hamburg und Dortmund zu sehen sein. 

Begleitet wird die Wanderausstellung durch eine speziell für Jugendliche entwickelte Website mit animierten Filmen, Webstories, Interviews und pädagogischen Begleitmaterialien. Im Juni 2021 zeichnete die Jury des Grimme Online Awards die #StolenMemory-Website in der Kategorie „Bildung und Wissen“ aus.

Außerdem können Besucher*innen mit der #StolenMemory-App beim Ausstellungsbesuch Videoportraits von Angehörigen ansehen, die über die Bedeutung der Rückgaben sprechen. 

Am Samstag, 26. Juni 2021, haben sich zahlreiche Pilger auf dem Weg zur ehemaligen Pfarrkirche von Glöckelberg gemacht. Provinzial Pater Christoph Eisentraut CMM zeigte sich erfreut über die große Teilnehmerzahl, die sich im Gedenken an den seligen Pater Engelmar Unzeitig CMM zusammen gefunden hatte.

 

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Stationen auf dem Weg: Glöckelberg.pdf

Die Einleitung von Pater Christoph Eisentraut sowie Mag. Matthias List können Sie hier nachhören: 

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Die Predigt zum Gedenkgottesdienst hielt Mag. Matthias List, Pfarrassistent für Linz-St. Markus, Dekanatsassistent für das Dekanat Linz-Nord, Seelsorgeteambegleiter für Linz-St. Leopold.

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Predigt zur Wallfahrt nach Glöckelberg – anlässlich des Gedenkens an den seligen Pater Engelmar Unzeitig

Schriftlesungen: Gen 18,1-15 (Besuch Gottes bei Abraham) und Mt 8,5-13 (Heilung des Dieners des Hauptmanns von Kafarnaum)

Und siehe – da war eine Kirche und ein Friedhof, von Gras überwachsen, von Hirten als Schafstall missbraucht, dem Vergessen preisgegeben. Die Verheißungen, die hier einst gebetet und gesungen, alles schien zunichte; die Predigten einst feurig und lebensgefährlich – hatte das Regime doch den längeren Atem, indem es den einen vernichtet hat, der hier die Lebensregeln Gottes eingefordert und nicht die Regeln des Führers verkündet?
Doch Gott geht andere Wege – in der Hitze des Tages kam er und ließ sich nieder, um seine Verheißung zu erneuern: Übers Jahr werde ich wieder kommen und siehe – du wirst Nachkommen haben; Zukunft wird zugesagt und sie glaubten nicht! Ja sie lachten über diese frommen Zusprüche: Wie soll dies geschehen, der Glaube ist verloschen, wir sind zu alt, die Fruchtbarkeit verbraucht.

Aber das Wunder geschah: Eine Handvoll beherzter Menschen beginnen die Stätte der Erinnerung zu pflegen und wieder aufzurichten. Die Grabsteine werden neu gesetzt, die Kirche erneuert, der Glaube gepflegt – und übers Jahr, ehe man sich versieht, da gibt es wieder Lieder und Gebete und Hoffnungen, die von der Zukunft und vom Vertrauen in Gott singen. Die Herren dieser Welt werden nicht gewinnen, nein, Gerechtigkeit wird geübt! Die, die Gewalt angetan, über sie wird gerichtet und diejenigen, denen Unrecht geschehen, werden verehrt und ihrer wird erinnert.

Liebe Gläubige hier in Glöckelberg, die Geschichte von den drei Fremden bei Mamre, die Abraham und Sarah die schon nicht mehr geglaubte Zukunft verkünden, sie berührt stets mein Herz, weil es eine Hoffnungsgeschichte ist, die uns allen Mut und Zukunft zuspricht. In ausweglosen Situationen, wo wir schon aufgegeben haben, wo die Mutlosigkeit sich wie eine zähe Mittagshitze über alles gelegt hat, dort wo wir schon abgeschlossen haben mit unserem Schicksal, dort hinein spricht Gott seine Zukunftsverheißung – den Spöttern und Lästerern zum Trotz.

Die Zukunft unserer Kirche? Sie hat keine, eine veraltete, verkrustete Organisation, zu viel Sünder in den eigenen Reihen, zu viel Schuld im Lauf der Geschichte, die geht unter, geht vorbei – so mutmaßen viele! Und unsere Herzen sind betrübt angesichts schwindender Gläubiger und weniger werdender Männer und Frauen, die sich in den Dienst Gottes stellen lassen. Aber – siehe – da kommen sie vorbei bei uns und wollen zu Gast sein und sagen uns zu: Die Hoffnung wird nie ausgelöscht, habt doch Vertrauen, Gott selbst gibt seiner Kirche Zukunft.

Ich denke auch an unsere geschundene Welt: Das Klima steht an der Kippe, Hagelstürme, Hitze und Trockenheit, ein Wirbelsturm, der ganze Dörfer vernichtet hier bei uns in Mitteleuropa. Viele sind verzweifelt und glauben nicht mehr, dass wir es schaffen, das Ruder herumzureißen. Aber – siehe – die Jungen Menschen, wütend über unsere Wirtschaftspolitik, die sich nicht schert um die filigranen Zusammenhänge in der Ökonomie unserer Mutter Erde; sie stehen auf, gehen unermüdlich auf die Straße und verkünden: Eine Veränderung ist möglich, wir schaffen es, wenn wir umkehren und der Hoffnung wieder Raum geben. Sie sind die Engel unserer Zeit, die uns Zukunft verheißen, wenn wir sie für möglich halten.

Ich denke weiters an so viele Menschen auf der Flucht vor Kriegen und Elend, die ihre Heimat verlassen müssen – wie damals, als auch hier in Tschechien so viele Menschen losziehen mussten, um andernorts neu ihr Leben aufzubauen. Viele sagen heute: Nein, wir können keine mehr aufnehmen, das geht nicht, das zerstört unsere Gesellschaft. Aber – siehe – engagierte Christinnen und Christen vereint mit vielen Menschen guten Willens engagieren sich für diese geflüchteten Menschen; unterstützt vom Papst und unseren Bischöfen fordern sie eine Politik, die allen Menschen ein gutes Leben zusagt und allen eine Chance bietet. Ist es auch schwierig, gemeinsam können wir dieses Wunder vollbringen und Leben retten; menschlich bleiben aus der Erinnerung, die auch in die Hl. Schrift eingeschrieben ist: Denn du warst selber Fremdling in Ägypten, bedenke also, wie du mit den Fremden umgehst und siehe in ihnen den verängstigten Menschen, der du selber bist!

Liebe Pilgerinnen und Pilger hier in Glöckelberg, wir wollen auf die Zusage vertrauen, die Jesus heute dem Hauptmann in Kafarnaum gibt: Geh, es soll geschehen, wie du es geglaubt hast! Jesus wirbt um dieses Vertrauen in eine Welt, die menschengemäß und deshalb gottgefällig ist. Die Hoffnung, die uns zugesagt ist, an ihr dürfen wir festhalten, auf sie dürfen wir vertrauen; dann ist vieles möglich!

Pater Engelmar Unzeitig hat in einem seiner Briefe geschrieben: „Über seine Kräfte lässt ja Gott keinen versucht werden. Wir wollen daher mit Gottvertrauen in die Zukunft schauen und uns wie auch hier gegenseitig stützen, denn wahre Bruderliebe – heute würden wir sagen: Nächstenliebe – überwindet alle Bosheit der Welt.“

Matthias List, PfarrA in Linz-St.Markus (Es gilt das gesprochene Wort)

Im Vorjahr musste die Wallfahrt zur Pfarrkirche des Seligen Pater Engelmar Unzeitig wegen der Pandemie leider ausfallen. In diesem Jahr 2021 ist sie für Samstag, 26. Juni, geplant.  Wie immer beginnt sie mit einem kleinen Stationenweg am Schwemmkanal ab 13.30 Uhr, anschließend feiern wir Eucharistie um 15 Uhr in der Kirche von Glöckelberg/Böhmerwald.

Nähere Informationen finden Sie rechtzeitig auf dieser Website, auch über eventuelle corona-bedingte Änderungen werden Sie dort auf dem Laufenden gehalten.

Große Ehre für die Arolsen Archives: Die Website und Filme zur Kampagne  #StolenMemory haben den Grand Prix im Art Directors Club Wettbewerb 2021 erhalten.

  • Der „Art Directors Club“ verleiht jährlich Preise für die besten kreativen Arbeiten. Viele Tausend Projekte wurden in diesem Jahr eingereicht.
  • Durch die Kampagne #StolenMemory versuchen die Arolsen Archives persönliche Besitzstücke ehemaliger KZ-Häftlinge ihren Familien zurückzugeben.
  • Mit der Agentur Goldener Westen erhielten die Arolsen Archives für die #StolenMemory-Filme und Website nicht nur einen „Goldenen Nagel“, sondern auch den „Grand Prix“ in der Kategorie Editorial, bei der es um kreatives Storytelling geht.

„In ruhigen, unpathetischen schwarz-weiß Animationen erzählt #StolenMemory vom Überleben und Menschbleiben in unmenschlichen Zeiten.“ So beschreibt Laudator Kai Wiesinger, Schauspieler und Regisseur, die Videos zu #StolenMemory, die in Zusammenarbeit der Arolsen Archives mit der Agentur Goldener Westen entstanden sind.

#StolenMemory zielt darauf ab, Verwandte ehemaliger KZ-Insassen zu finden, um Besitzstücke zurückzugeben, die ihnen einst gehörten, in der Tat „gestohlene Erinnerungen“. Die Arolsen Archives bewahren rund 2.500 dieser sogenannten Effekten auf und möchten mit der Kampagne Angehörige von NS-Opfern erreichen. Zugleich wurde das Projekt zu einem Bildungsprojekt ausgebaut: mit einer Wanderausstellung in einem umgebauten Übersee-Container, den animierten Filmen und der Website. Dieses Angebot richtet sich vor allem an jüngere Generationen heute.

Die Begründung der ADC-Jury:

„Die Brieftasche eines jungen Polizisten, ein alter Füller, ein Paar Ohrringe, die die Großmutter getragen hat – jedes Jurymitglied könnte jetzt auf der Stelle die Geschichte jener Menschen rekapitulieren, denen diese Gegenstände einst gehörten, so lebendig und eindringlich sind die Videos rund um die ehemaligen KZ-Häftlinge Johannes, István und Helena. In ruhigen, unpathetischen Schwarz-Weiß-Animationen erzählt #StolenMemory vom Überleben und vom Menschbleiben in unmenschlichen Zeiten. Das gründlich recherchierte und unprätentiös erzählte Multimediaprojekt stellt die durchdachte Gestaltung vollständig in den Dienst der Erinnerung und des konkreten Anliegens. Mit wenigen wirkungsvoll gesetzten Akzenten erzeugt #StolenMemory eine unglaubliche Emotionalität, und zieht nicht nur junge Menschen in den Bann, sondern die komplette Jury gleich mit. Eine interaktive „Scrollytelling-Website“ setzt die Suche nach den Angehörigen der Opfer fort, denn rund 2500 Gegenstände warten noch auf die Rückgabe an ihre Familien.“

Archivarbeit und modernes Design passen zusammen

Seit 2019 arbeiten die Arolsen Archives, das weltweit umfassendste Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus, mit der Agentur Goldener Westen für #StolenMemory zusammen.

„Es ist möglich, auf fesselnde Weise über Geschichte zu sprechen! Das ist der Weg – oder zumindest einer der Wege, es zu tun. So berühren wir Herz und Verstand und können die Menschen ermutigen, heute etwas gegen Rassismus, Antisemitismus und Intoleranz zu tun“, freut sich die Direktorin der Arolsen Archives, Floriane Azoulay, über die Auszeichnung.

Arne Keunecke, Gründer von Goldener Westen, beschreibt die Zusammenarbeit so: „Das Schönste am #StolenMemory-Projekt für mich war die Tatsache, wie interdisziplinär und eng wir hier von Anfang an zusammengearbeitet haben. Das hat das Ganze sicher nicht leichter für uns gemacht aber definitiv besser!“

Dass Archivarbeit und modernes Design zusammenpassen, ist spätestens mit dem Grand Prix des ADC bewiesen. Eine weitere Besonderheit: Goldener Westen konnte #StolenMemory über die Solidaritätsaktion des diesjährigen ADC-Wettbewerbs kostenlos einreichen und als kleinere Agentur in Konkurrenz mit bekannten Namen treten.

Weiterführende Links:

Zur Siegerehrung für #StolenMemory des Art Directors Club Wettbewerb 2021: https://www.youtube.com/watch?v=b0-VPgZoOm4

Zur Kampagnen-Website #StolenMemory: https://stolenmemory.org/

Zum 76. Mal jährt sich Ende April 2021 die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau durch Einheiten der US-Armee. Dieses historische Ereignis kann leider aufgrund der Corona-Pandemie nicht mit einer großen Gedenkfeier vor Ort begangen werden. Stattdessen gedenkt man im Zeitraum vom 29. April bis 2. Mai 2021 mit verschiedenen digitalen Formaten des 76. Jahrestags der Befreiung.

Alle sind herzlich dazu eingeladen, an dem virtuellen Gedenken teilzunehmen. Unter dem folgenden Link werden ab dem 29. April viele unterschiedliche digitale Veranstaltungen und Angebote verfügbar sein: 

https://www.kz-gedenkstaette-dachau.de/liberation/

Trotz der angespannten Pandemiesituation wird ein Stilles Gedenken in kleinem Rahmen vor Ort am 29. April durchgeführt. Des Weiteren werden zur zentralen Befreiungsfeier am 2. Mai unter anderem auch Monika Grütters, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, und Prof. Dr. Michael Piazolo, Bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus in Vertretung der Bayerischen Staatsregierung, mit Redebeiträgen an das historische Ereignis erinnern. Umrahmt werden die Gedenkfeiern von den persönlichen Erzählungen und Gedenkbotschaften zahlreicher Überlebender und Befreier. Ein Schwerpunkt liegt auch auf den Nachkommen der ehemaligen Häftlinge, die in persönlichen Videobotschaften zu Wort kommen. Zudem konnte die Familie von Max Mannheimer für ein Live-Gespräch gewonnen werden. Ebenso wird auch die Niederlegung der gestifteten Kränze wieder Teil des virtuellen Gedenkens sein, da dies auch in diesem Jahr leider wieder ohne Zeremonie und Teilnehmende stattfinden wird.

Am Sonntag, 25. April 2021, ehrt die Kolpingsfamilie in Heppenheim ihren früheren Präses Pfarrer Hans Brantzen. Zu seinen Ehren wird eine Gedenktafel am Haus Martin in Heppenheim angebracht. Pfarrer Brantzen gehörte zu den Klerikern, die von 1941 bis 1945 im KZ Dachau inhaftiert waren. Während dieser Zeit freundete er sich auch mit dem Seligen Pater Engelmar Unzeitig CMM an. 1950 wurde ein Bericht von Pfarrer Hans Brantzen veröffentlicht: "Ich lernte Unzeitig genauer kennen, als wir im April 1942 den schweren Kreuzweg der Dachauer Priestergemeinschaft erlebten. Dieser bestand in harter Arbeit im Dachauer Moor, der sogenannten Plantage. Erschwert wurde diese Arbeit noch durch den Umstand, dass den Priestern im Gegensatz zu den anderen Häftlingen, Ausländer und Russen miteingeschlossen, die sogenannte Brotzeit verweigert wurde. Diese Brotzeit war nämlich die Zugabe für die Arbeiter in den Kommandos. Dort nun lernte ich Unzeitig kennen als Mitarbeiter im Gewächshaus 6 der berüchtigten Plantage (Näheres über diese Plantage im Buche von P. Sales Heß "Dachau, eine Welt ohne Gott"). Es waren furchtbare Monate, in Hitze, Regen und Schnee. Wir mussten Schubkarren fahren, Beete ausheben, saßen bei Regen und Sturm auf den Pikierbeeten, Unzeitig und ich oft zusammen. Ohne ein falsches Loblied singen zu müssen, darf ich beteuern: Er war immer der gleiche; wenn die anderen klagten und heimdachten an die guten, alten Tage, wenn es ihnen zu viel wurde und sie nicht mehr konnten, schaute er nach oben zum Vater. Und es half. Hauptpunkte seines feinen Charakters waren Bescheidenheit, Ruhe und Verträglichkeit in der Enge des Blockes. All das ließ ihn nicht auffallen. Was auffiel, war seine Caritas, wenn er bei seinen Mitbrüdern für andere arme Häftlinge bettelte. So war er auch manches Mal bei mir, wenn ein Paket angekommen war. Wie oft saß er abends nach der kargen Mahlzeit, vor seinem Buche "Werktagsheiligkeit" und machte Exzerpte, über die ich mich mit ihm oft unterhielt.

Beide gehörten wir einem kleinen Kreise an, der über liturgische, homiletische und praktische Fragen der Seelsorge diskutierte. Keine freie Zeit versäumte er zur Adoratio (stille Anbetung). Wenn wir von der harten Arbeit müde auf unseren Block kamen, um unseren Schlag Steckrüben oder anderes zu fassen, sah man ihn in die Kapelle gehen, bevor er die Stube betrat. Abends war Unzeitig stets für Minuten in der Kapelle zu sehen; desgleichen vor jedem Antreten. Mit größtem Heroismus hielt er sich während des Sterbesommers und der Hungermonate 1942 aufrecht, oft zum Zusammenbrechen müde und schlapp wie wir alle. Dabei blieb er stets der gleiche hilfsbereite Mann.

Nachdem ich nach meiner Genesung von schwerem sechsmonatigem Typhus im Juni 1943 auf den Block zurückgekehrt war, fand ich mich mit Unzeitig bald in einem neuen Kommando: Besoldungsstelle der Waffen-SS außerhalb des Lagers. Dort erhielt er durch seine reservierte, untadelhafte Haltung eine solche Macht über seinen vorgesetzten SS-Führer, einen kriegsversehrten Unterscharführer, dass dieser sich oft mit ihm in tiefere Gespräche einließ. Ja Unzeitig konnte diesem SS-Mann sogar Briefe persönlichen Inhalts schreiben und auch sonst entsprechend wirken. Es war dies ein ganz eigenartiges Verhältnis, fast ein Mysterium, wie P. Unzeitigs tiefinnerliche, priesterliche Haltung auf diesen Menschen wirkte, der bis dahin der Kirche ferngestanden war. Es wird wohl immer ungeklärt bleiben, was die beiden im letzten sprachen und wie tief P. Unzeitig die Zukunft dieses Menschen beeinflusste.

Als wir Geistliche wegen einiger "Vorkommnisse" aus der Besoldungsstelle verwiesen wurden, fanden wir wieder ein gemeinsames Kommando: Messerschmitt, Flugzeugbaracke mit Tag- und Nachtschicht. Wir arbeiteten uns zu Kontrolleuren auf und bekamen dadurch die Möglichkeit, manches Gute zu wirken an armen Russenjungen und kleinen Franzosen und Italienern und überhaupt an all denen, die uns unterstellt waren. Und hier bei Messerschmitt erlebten wir bei P. Unzeitig ein Ereignis besonderer Prägung, bei dem seine Hilfsbereitschaft für religiös suchende Menschen besonders zum Ausdruck kam. Dort musste uns ein russischer Familienvater [ein Ingenieur], Peter mit Namen, in die ersten Anfänge der Technik einführen. Er war ein guter Mann, Vater von zwei Kindern, die wohl heute noch mit ihrer Mutter auf den Vater warten. Peter entpuppte sich als ein schlichter, aber tiefer und geistig reifer Mensch, der die Probleme des Lebens sieht und anpackt. Und so begannen bald Gespräche um Gott in den Nächten bei Messerschmitt, Nikodemusstunden eigener Art. P. Unzeitig nahm sich immer mehr dieses Suchenden an, der zur russischen Kirche gehörte. Die beiden trafen sich außerhalb der Arbeit oft auf der Lagerstraße zu Zwiegesprächen. Es entwickelte sich zwischen den beiden ein feines Freundschaftsverhältnis auf geistiger Basis. Um sich besser mit Peter verständigen zu können, lernte P. Unzeitig fleißig Russisch. Aber in diesem Peter war eine letzte Unsicherheit und ein letztes Bangen. Und da kam ein Ereignis, das ihn ganz für den Glauben gewann. Zum zweiten Mal, während unserer Zeit, im Februar 1945, tritt der Typhus auf, und zwar mit ungekannter Heftigkeit. Diesmal war es der Fleck- und Hungertyphus. Die Zustände auf allen ungeraden Blocks bis Block 29, die zu Revieren, oder besser gesagt, zu vollgepfropften Sterbe- und Totenkammern wurden, bedingten es, daß sich die Geistlichen freiwillig zum Dienst an den armen Menschen meldeten. Niemand wollte mehr Pflegedienste tun, am wenigsten das offiziell aufgestellte Nazi-Pflegepersonal. Unter den Freiwilligen ist auch P. Unzeitig. Er wird angesteckt und stirbt wie so viele andere seiner Mitbrüder. [Unzeitigs] Entscheidung, freiwillig in die Krankenblocks zu gehen, hat bei Peter das Eis gebrochen und das letzte Hindernis entfernt. Der Tod seines Missionars erschüttert ihn fürchterlich. Er verehrt P. Unzeitig wie einen Heiligen. Er ließ auch seinen Angehörigen einen sogenannten schwarzen Brief zugehen, in dem er P. Unzeitig als Heiligen preist, der ihm Christus gebracht und so sein Ideal Missionar zu werden, auf eine ganz eigenartige Weise erfüllt hat. Dass den Toten keine Ehrung zuteil wurde, war für uns Dachauer zu selbstverständlich. Die Toten dieser Typhuskatastrophe konnten gegen Ende Februar und im März nicht mehr verbrannt werden, da keine Kohlen und kein Holz mehr zur Verfügung standen. So wurden sie im Krematoriumsbereich aufgeschichtet und mit Chlorkalk übergossen. Unter diesen vermuteten wir auch P. Unzeitig. Doch es hat sich herausgestellt, dass seine Leiche separat verbrannt worden ist. Die Asche wurde nach Würzburg gebracht und in der Gruft der Missionare von Mariannhill ehrenvoll beigesetzt."

Die Stipendiat:innen der START-Stiftung übergeben den Staffelstab ihrer Aktion gegen das Vergessen an die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Charlotte Knobloch lobt das beispielgebende Engagement der Jugendlichen im Rahmen der Initiative #everynamecounts der Arolsen Archives.   

Bad Arolsen / Frankfurt am Main, 16.04.2021

  • Engagierte Jugendliche sind dem Aufruf #start2remember des 20-jährigen Schülers und START-Stipendiaten Kato Uso aus Minden gefolgt und haben während ihrer Osterferien geholfen, das Online-Archiv der Arolsen Archives zur Erinnerung an NS-Opfer zu füllen.
  • Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) ruft ihre 105 jüdischen Mitgliedsgemeinden sowie Kooperationspartner:innen auf, dem Beispiel der Jugendlichen zu folgen und sich am digitalen Denkmal für NS-Opfer zu beteiligen.
  • Gemeinsam mit Freiwilligen bauen die Arolsen Archives das größte digitale Denkmal für Opfer des Nationalsozialismus auf. Jede:r kann mitmachen und so ein Zeichen für Respekt, Vielfalt und Demokratie setzen. Denn die damaligen Motive für Verfolgung sind nicht Geschichte.

Zu Beginn der Osterferien hatte der 20-jährige Schüler Kato Uso aus Minden seine Mitstipendiat:innen der START-Stiftung und die START-Community aufgerufen, sich gemeinsam an dem Aufbau des Online-Archivs zu NS-Opfern zu beteiligen. Vom 25. März bis zum 16. April 2021 sind daraufhin Jugendliche aus dem gesamten Bundesgebiet dem Aufruf #everynamecounts der Arolsen Archives gefolgt. „Genau dieses Engagement braucht es, damit das Gedenken auch in der ‘Zeit ohne Zeitzeugen’ weitergetragen werden kann. Nur wenn junge Menschen die Erinnerung wach halten, kann auch in einer Zukunft ohne Zeitzeugenberichte verhindert werden, dass die Schrecken der Vergangenheit sich wiederholen”, lobte Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Zeitzeugin des Holocaust und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern gestern bei einer virtuellen Abschlussveranstaltung das beispielgebende Engagement der Jugendlichen.

Jugendliche von START haben was ins Rollen gebracht: ZWST führt die Aktion weiter

„Die Taten der Nationalsozialisten sollen nicht in Vergessenheit geraten. Es war ein Krieg gegen die Menschheit. Umso wichtiger ist es, jedem Opfer seinen Namen und seine Geschichte zurückzugeben“, sagt der Initiator der Aktion Kato Uso.

Aus diesem Grund greift auch die ZWST die Aktion auf: „Im jüdischen Gedenken an die Shoah ist es sehr wichtig zu erzählen, wer die Menschen hinter den Opferzahlen waren. Die #everynamecounts-Kampagne bietet eine herausragende Möglichkeit, sich jenseits von ritualisiertem Gedenken die Namen und Lebensgeschichten zu vergegenwärtigen. Deshalb wollen wir die Initiative unterstützen und den tollen Einsatz der Jugendlichen weiterführen”, erklärt Aron Schuster, Direktor der ZWST. Die ZWST ruft ihr gesamtes Netzwerk aus jüdischen Gemeinden, Wohlfahrtsverbänden und zivilgesellschaftlichen Organisationen auf, sich an der Crowdsourcing-Initiative #everynamecounts der Arolsen Archives zu beteiligen.

Predigt von Pater Dr. Hubert Wendl CMM beim Gottesdienst zu Ehren des Seligen Pater Engelmar Unzeitig CMM in Maria Veen:

Liebe Schwestern und Brüder!

Unser Alltag läuft nicht mehr rund, es ist gewaltig Sand in das Getriebe der Welt geraten. Ein unsichtbarer Virus hat uns aus der Bahn geworfen. Und so läuft vieles nicht mehr rund; im Getriebe der Welt knirscht es gewaltig und wir sind aus unserer Ordnung geworfen. Vieles gerät durcheinander.

Gerade diese Erfahrung hat auch Pater Engelmar gemacht. Sein Leben verlief in ziemlich geordneten Kreisen, auch wenn es immer wieder geknirscht hat, wie etwa der frühe Tod seines Vaters. Aber er hat immer wieder eine Ordnung für sich gefunden, so dass er seinen Weg finden konnte. Pater Engelmar hatte sich den Mariannhiller Missionaren angeschlossen, weil er in die Mission gehen und den Glauben verkünden wollte. Nach seiner Priesterweihe am 6. August 1939 – kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges – konnte er nur kurze Zeit als Priester in Würzburg, Linz und als Pfarrprovisor in Glöckelberg wirken. Am 21. April 1941 erfolgte seine Verhaftung und nach sechs Wochen Aufenthalt im Linzer Gefängnis die Überführung in das KZ Dachau.

Als junger Priester hat er sich um französische Kriegsgefangene gekümmert, wie dann als Gefangener im KZ Dachau vor allem um russische Inhaftierte, die ihm am Herzen lagen. Er hat sich da eingebracht, wo es sein eigenes Leben kosten sollte. Pater Engelmar hat sich nicht in sich selbst zurückgezogen, sondern im Gebet und in der Feier der heiligen Messe mit Gott kommuniziert und in aller Konsequenz anderen in ihren Leiden beigestanden. Es wird sogar berichtet, dass er im Konzentrationslager manchmal beinahe die Zählappelle verschwitzt hätte, weil er tief im Gebet vor dem Allerheiligsten in der Gefangenenkapelle versunken war.

WhatsApp Image 2021 03 02 at 14.30.53Stand mit Infos in der Kirche St. Marien in Maria Veen @ 2021 pater dr. hubert wendl cmmUnd dann geriet alles in Unordnung, es war nicht nur Sand ins Getriebe geraten, sondern es schien, als ob alle Zahnräder kaputt gingen und das Chaos ab24fc6b 3936 4b55 9e7a b5620b307460Altarschmuck anlässlich des Gottesdienstes in Maria Veen ©2021 pater dr. hubert wendl cmmausbrach: Der Typhus brach im KZ aus – grenzenlos. Pater Engelmar und einige Mitbrüder wussten genau, dass diese Krankheit einen schweren Verlauf hat und unweigerlich zum Tod führt. Sein Vater war im Ersten Weltkrieg gerade an dieser Krankheit gestorben. Und nun stellt sich Pater Engelmar zur Verfügung, um diesen dem Tod geweihten Kranken zu helfen und ihnen beizustehen.

Sein Wunsch, in die Mission zu gehen, hat sich nicht erfüllt, aber er wurde nicht depressiv, sondern er erkannte, dass er auch hier "in diesem gottverlassenen Lager, in dem das Böse regiert und wo wir leicht glauben könnten, von Gott und der Welt in unserem Leiden verlassen zu sein", wie er selbst schrieb, seine missionarische Berufung leben konnte.

Am 2. März 1945 starb Pater Engelmar, nachdem er sich bei der Pflege in den Typhus-Baracken selbst mit der tödlichen Krankheit angesteckt hatte. Einige Mitbrüder aus dem Priesterblock bemühten sich um seine Asche und schmuggelten sie auf abenteuerliche Weise aus dem KZ nach Würzburg. Nach seiner Seligsprechung im September 2016 wurde die Asche von Pater Engelmar im Altar unserer Kirche in Würzburg beigesetzt.

Es gibt viele Situationen, in denen unsere Welt aus den Fugen gerät, in der Sand ins Getriebe kommt und es gewaltig knirscht. Immer wieder lässt uns das Leben zweifeln:

„Warum lässt Gott das zu?“ Es ist eine Frage, auf die es keine andere Antwort gibt als den gelebten Glauben. Ein Glaube, der Tat werden will und der in Liebe antwortet, auch in der Umgebung von Hass und Gewalt. Der Glaube kann dann wieder Ordnung in unsere Herzen bringen. Auch wenn ich selbst gefesselt bin, bleibt das Wort Gottes frei und hat die Kraft, Fesseln abzustreifen. Es ist eine Freiheit, die auch uns in unserem Alltag tragen kann. So können dann auch wir sehen, wo unsere Liebe, wo wir selbst gebraucht werden. Denn „Liebe verdoppelt die Kräfte, sie macht erfinderisch, macht innerlich frei und froh“ schreibt Pater Engelmar in einem seiner letzten Briefe aus dem KZ.

Domkapitular i.R. Dr. Jürgen Lenssen weihte eine neue Gebetsstätte zu Ehren des Seligen Pater Engelmar Unzeitig CMM am Sonntag, 28. Februar 2021, ein. Sie befindet sich im Seitenschiff der Herz Jesu Kirche in Würzburg. Die Seligsprechung von Pater Engelmar machte es notwendig, den Raum im Seitenschiff neu zu gestalten. Von 1968 bis 2016 befand sich hier der Ruheplatz für die sterblichen Überreste von Pater Engelmar Unzeitig. Am Tag nach der Seligsprechung von Pater Engelmar fand die Urne einen neuen Platz im Hauptaltar der Kirche. Domkapitular i.R. Dr. Jürgen Lenssen übernahm es nun, den Raum neu zu gestalten, so dass Menschen an diesem Ort ihre Bitten und Anliegen dem Seligen Pater Engelmar empfehlen können. Die Fotos der Feier stammen von Roswitha Pax und Rudolf Müller. Allen Beteiligten sagen wir Missionare von Mariannhill ein herzliches Vergelt's Gott.

Bis heute suchen Menschen nach Informationen über ihre Angehörigen, die durch das NS-Regime ermordet, verfolgt oder verschleppt wurden. 2020 ist die Zahl der Anfragen bei den Arolsen Archives wieder um rund zehn Prozent gestiegen. Das weltweit umfangreichste Archiv über Verfolgte des Nationalsozialismus erhielt Anfragen zu mehr als 26.000 Personen – fast drei Viertel stammen dabei von Angehörigen. Weniger als ein Prozent der Anfragen kam von Überlebenden selbst. In etwa 60 Prozent der Fälle konnten die Arolsen Archives Antworten geben und Kopien von Dokumenten zur Verfügung stellen. Insgesamt wandten sich Menschen aus rund 70 Ländern an die Arolsen Archives, besonders stark vertreten waren Deutschland, Frankreich, die Staaten der ehemaligen Sowjetunion, die USA und Polen.

Wissensquelle für 900.000 Nutzer*innen

Großes Interesse besteht auch am Online-Archiv der Arolsen Archives: 2020 recherchierten rund 900.000 Nutzer*innen aus aller Welt in der digitalen Sammlung. Seit 2019 haben die Arolsen Archives dort 27 Millionen Dokumente aus ihrer Sammlung veröffentlicht, die mit insgesamt 30 Millionen Dokumenten zum UNESCO Weltdokumenterbe zählt. Sie gibt Auskunft über KZ-Inhaftierte, Zwangsarbeiter*innen und die Überlebenden der Verfolgung.

„Das Interesse an Originaldokumenten, die die Verbrechen des Nationalsozialismus bezeugen, ist sehr groß“, erklärt Floriane Azoulay, Direktorin der Arolsen Archives. „Die Zahl der Überlebenden oder Zeug*innen wird mit jedem Jahr kleiner. Umso wichtiger werden die Dokumente, die gewissermaßen an ihrer Stelle zu jüngeren Generationen sprechen und oftmals die letzte Spur der Opfer sind.“

Sohn erhält Füller und Armbanduhr zurück

Im Februar konnten die Arolsen Archives ein ganz besonderes Paket auf die Reise nach Frankreich schicken: Michel Loncar erhielt die Armbanduhr und den Füller seines Vaters Michajlo Loncar. Es handelte sich um die 500. Rückgabe von persönlichen Gegenständen an die Familien von KZ-Inhaftierten. „Wir haben vor gut vier Jahren unser Projekt #StolenMemory gestartet und zusammen mit Freiwilligen die Suche nach Familien aufgenommen“, berichtet Floriane Azoulay. „Niemand hätte vermutet, dass es möglich sein würde, noch so viele Gegenstände endlich in die richtigen Hände zu geben.“

Michajlo Loncar wurde in Skalica in der heutigen Slowakei geboren und 1944 von den Nationalsozialisten aus Frankreich deportiert. Er musste in einem Außenlager des KZ Neuengamme Zwangsarbeit leisten, überlebte das Lager und starb 2000 in Frankreich. „Für die Angehörigen ist die Rückgabe der persönlichen Gegenstände von großer emotionaler Bedeutung“, betont Floriane Azoulay. „Sie erzählen von Verfolgungsgeschichten, die quer durch Europa verliefen, sind ein Fenster in die Vergangenheit und bringen Erinnerungen zurück in die Familien.“

Die Arolsen Archives bewahren noch rund 2500 sogenannte Effekten auf und suchen weiterhin nach den Familien.

Über die Arolsen Archives

Die Arolsen Archives sind ein internationales Zentrum über NS-Verfolgung mit dem weltweit umfassendsten Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Die Sammlung mit Hinweisen zu rund 17,5 Millionen Menschen gehört zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Sie beinhaltet Dokumente zu den verschiedenen Opfergruppen des NS-Regimes und ist eine wichtige Wissensquelle für die heutige Gesellschaft.

Die Broschüre „Werkheft - Gebete - Texte - Lieder“, das von der Deutschen Provinz der Missionare von Mariannhill herausgegeben wurde, enthält zahllose Materialien für die Gestaltung von Andachten, Gottesdiensten etc. rund um den Seligen Pater Engelmar Unzeitig CMM.
Provinzial Pater Christoph Eisentraut CMM schreibt in seinem Vorwort zu diesem Werkheft: "Liebe Leserinnen und Leser, mit Freude darf ich Ihnen dieses Werkheft zur Verfügung stellen. Es soll allen helfen, die Materialien suchen, um das Gedenken an den Seligen Mariannhiller Märtyrer Pater Engelmar Unzeitig lebendig zu halten. Besonders natürlich an seinem offiziellen Gedenktag am 2. März, aber auch bei verschiedenen anderen Gelegenheiten, wie z.B. bei Wallfahrten an Orte, die mit seinem Leben, Wirken und Leiden verbunden sind. Dieses Heft enthält neben den vom Vatikan offiziell approbierten Gebeten auch andere Texte als Studienausgabe, die bei der Vorbereitung von Gottesdiensten behilflich sein können. Ein besonderer Schatz sind die Lieder, die im Zusammenhang mit der Seligsprechung im September 2016 entstanden sind. Sie sind so gedruckt, dass sie leicht kopiert werden können. Gleichzeitig kann dieses Werkheft aber auch besonders bei kleineren Gruppen als Liederbuch für Pater Engelmar-Feiern ausgelegt werden. (...) Möge dieses Werkheft dazu beitragen, das Beispiel dieses Märtyrers der Nächstenliebe auch für unsere Zeit fruchtbar zu machen."

Sie können es kostenlos über unseren Webshop bestellen oder es sich dort als PDF-Datei herunterladen.

Im Archiv der Missionare von Mariannhill hat Pater Dr. Hubert Wendl eine schöne Entdeckung gemacht. Er schreibt dazu: "Ich fand diesen kleinen Bericht über Pater Engelmar und die Beisetzung der Asche in Würzburg in einer Mappe mit Provinzratsitzungen. Pater Willehad Krause berichtet darin über die Beisetzung der Asche Pater Engelmars am Karfreitag 1945 auf dem Hauptfriedhof in Würzburg und der Einnahme der Stadt Würzburg durch die amerikanische Armee."

Pater Engelmar Unzeitig C.M.M.

Am 2. März 1945 starb in Dachau Pater Engelmar Unzeitig, nachdem er Jahre im KZ zugebracht hatte. Der hochw. Herr Richard Schneider, Pfarrer in Beuggen, Amt Säckingen, war mehrere Jahre sein Baracken- und Tischkamerad. Nach seiner Befreiung besuchte er uns im Piusseminar und erzählte von Dachau und Pater Engelmar. Er bezeichnete ihn als einen Heiligen, der es verdiene, dass der Beatifikationsprozess über ihn eingeleitet werde. Man habe aus dem Munde Pater Engelmars nie eine Klage vernommen. Nie wurde er ungeduldig, sondern forderte immer wieder seine Leidensgenossen auf, alle Quälereien im Geiste der Sühne und Buße zu erdulden. Er sagte von sich selber, dass er Gott sein Leben für Russland aufgeopfert habe. Mit großem Fleiß erlernte er die russische Sprache und brachte es darin auch zu großer Fertigkeit. In priesterlicher Liebe nahm er sich der russischen Gefangenen an und bekehrte eine Reihe von ihnen vom Bolschewismus und der Orthodoxie zum katholischen Glauben. Anfangs 1945 meldete er sich freiwillig ins Lager der Flecktyphuskranken, um dort Pflegedienste zu leisten und den Sterbenden als Priester beizustehen. Dort wurde er selber von der Krankheit ergriffen und starb am 2. März 1945. Herr Pfarrer Schneider konnte den Krematoriumswärter bewegen, die Leiche Pater Engelmars gesondert zu verbrennen. In einem Leinensäckchen sammelte er dann die Asche, band es sich um den Leib und brachte sie glücklich aus dem Lager hinaus. Pater Barnabas OSB brachte das Kistchen mit den Überresten von Pater Engelmar nach Würzburg, wo wir es am Gründonnerstag in Empfang nahmen. Wir bahrten es zunächst in der Krypta auf und setzten es am Karfreitag in unserer Gruft auf dem hiesigen Friedhof bei. Es war unmittelbar vor der Einnahme der Stadt durch die Amerikaner. In nächster Nähe schon tobte der Kampf. Städtische Autoritäten, Friedhofsamt usw. gab es nicht mehr. So mussten wir eigenmächtig handeln und die Gruft selber öffnen und schließen. Während der Beschießung der Stadt durch die am. Artillerie rief ich Pater Engelmar um seinen Schutz für das Seminar an. Abgesehen von zwei Treffern am Turm, die nicht durchschlugen, von zwei Treffern an der Kirche, die ebenfalls nur ganz geringen Schaden anrichteten und einem Treffer ins Seminar, der drei Zimmer zerstörte, kamen wir mit dem Schrecken davon. Das Miss.ärztl. Institut und das Standortlazarett, unsere Nachbarn, wurden viel schwerer beschädigt, und die Wirtschaft zum Letzten Hieb wurde in Brand geschossen und brannte vollständig nieder.

(gez.) Pater Willehad

Zur Einordnung des Berichts:

Dieser maschinengeschriebene Bericht befindet sich eingeheftet in der Ringmappe der Provinzrats-sitzungen auf der handschriftlichen aufgeführten Seiten 111 und 112. Der Bericht befindet sich zwischen den protokollierten Provinzratsitzung vom 23. November 1945 in Reimlingen und der Sitzung vom 19. Januar 1946 in Würzburg.

Unterzeichnet ist der Bericht von Pater Willehad Krause, der in dieser Zeit Rektor des Piusseminars in Würzburg und auch Provinzrat war.

Die anfangs handschriftlichen Protokolle der Provinzratsitzungen beginnen am 5. September 1936 in Würzburg auf S. 1 und enden mit der Sitzung am 27. August 1953 im Seminar St. Josef in Reimlingen. Die Nummerierung der Seitenzahlen wurde handschriftlich eingefügt und endet mit der Sitzung am 14. Oktober 1947 in Reimlingen mit S. 144. Die übrigen Sitzungen sind danach chronologisch ohne Seitenzahlen beigefügt.

Zur zeitlichen Einordnung des Berichts:

Die Asche von Pater Engelmar wurde von Herrn Leo Pfanzer Ende März 1945 den Mariannhillern übergeben. Die Stadt Würzburg lag nach dem großen Luftangriff vom 16. März 1945 in Trümmern, das Piusseminar lag allerdings außerhalb der zerstörten Zone und bot damals Studenten und der Theologischen Fakultät Unterkunft.

Der Gründonnerstag fiel im Jahr 1945 auf den 29. März und der Karfreitag auf den 30. März.

In der Chronik des Piusseminars heißt es über die Beisetzung von Pater Engelmar auf dem Friedhof: „Heute haben wir um 9h unseren Pater Engelmar Unzeitig in unserer Gruft beigesetzt. Ein Benediktinerpater brachte seine Asche in ein[em] Holzkästchen aus DACHAU mit. 5 Jahre hat er dort heiligmäßig gelebt und sei dort auch heiligmäßig am 2. März 45 gestorben.“[1]

Der Kampf am Kriegsende um die Stadt Würzburg dauerte vom Karsamstag, dem 31. März 1945 bis zum darauffolgenden Freitag, dem 6. April 1945 und endete mit der Einnahme der Stadt durch die 42. US-Infanteriedivision.

Pater Willehad beschreibt am Ende seines Berichts diesen Kampf um Würzburg. Da der Bunker des Gauleiters sich zwischen dem Piusseminar und dem „Letzten Hieb“ befand, geriet auch das Piusseminar in Beschuss. Nach einem Bericht heißt es für den Donnerstag, dem 5. April: „Es schießt noch tüchtig in der Stadt. Der Kampf tobt im Viertel unterhalb Mariannhill. Um 17 Uhr eine große Detonation, ein riesiger Rauchpilz, dann ein großer Brand: Der ‚Letzte Hieb‘ hat Volltreffer erhalten und steht in Flammen.“[2]

Pater Dr. Hubert Wendl CMM

[1]Chronik der Congregation der Mariannhiller Missionare Pius-Seminar Würzburg.

[2]Würzburger Chronik des denkwürdigen Jahres 1945. Herausgegeben von Dr. Hans Oppelt im Auftrage des Stadtrates Würzburg, 1947, S. 93.

Bericht über Pater Engelmar im Provinzarchiv der Missionare von Mariannhill

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