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Wallfahrt nach Glöckelberg am 20. Juni 2015 - Predigt von Pater Frans Lenssen CMM

EINLEITUNG.

Wir befinden uns an diesem Tag mitten im Jahr 2015. Es ist ein Jahr, in dem uns auf vielerlei Art und Weise , durch zahlreiche Gedenkfeiern und in den Medien in Erinnerung gerufen wird, dass vor 70 Jahren – 1945 – die Ungeheuerlichkeiten des Zweiten Weltkriegs ein Ende fanden. Auch unser Treffen anlässlich der jährlichen Wallfahrt nach Glöckelberg steht in diesem Zeichen. Am vergangenen 2. März jährte sich der Todestag des ehemaligen Pfarrer dieser Pfarrei, Pater Engelmar Unzeitig, zum 70sten Mal. Er starb ja, wie bekannt, am 2. März 1945 im KZ Dachau, wo er sich freiwillig für die Pflege typhuskranker Priesterhäflinge gemeldet hatte. Sie waren in einem Block untergebracht, aus dem er, wie er doch annehmen musste, nicht mehr lebend herauskommen würde. Heute gedenken wir des Dieners Gottes Engelmar und der unzähligen Opfer jener gotttlosen Zeit und ihrer Führer.

HOMILIE
Wir sind hier in Glöckelberg in derselben Kirche versammelt, wo der Diener Gottes Engelmar als Pfarrer oft die Eucharistie gefeiert hat. Von Glöckelberg aus hat er 1941 seinen Leidensweg zum KZ-Lager Dachau angetreten. 70 Jahre sind es her, dass er unter menschenunwürdigen Umständen im Alter von 34 Jahren ums Leben kam. Zu derselben Zeit, vor 70 Jahren, begann ich als 14-Jähriger meine Ausbildung als Missionar im Internat der Mariannhiller im niederländischen St. Paul. Als Pater Engelmar starb, war ich also Mitglied derselben Gemeinschaft wie er und sein Zeitgenosse. Diese beiden Umstände stellen so etwas wie eine persönliche Verbindung zwischen ihm und mir her. Als ich dann zur weiteren Ausbildung in das Mariannhiller Priesterseminar in Würzburg eintrat, kam Pater Engelmar mir noch näher. Dort erfuhren wir nämlich, dass die Urne mit seiner Asche, die ein Mitgefangener aus dem Lager geschmuggelt hatte, sich in der Mariannhiller Grabanlage auf dem Friedhof in Würzburg befände.
Zehn Jaher später, am 20. November 1968 - damals war ich Erzieher im Piusseminar – wurde ich Zeuge jener eindrucksvollen Feier, in der die besagte Urne vom Friedhof in die Seminarkirche überführt und in einer Seitenkapelle beigesetz wurde. Mir oblag es, den liturgischen Ablauf dieser Feier vorzubereiten. Selbst-verständlich wurde ich dabei tiefer mit dem Leben und Schicksal meines Ordensbruders vertraut. Was mich dann bei der Feier am meisten beeindruckte, war die Anwesenheit von 15 noch lebenden Mithäftlingen Pater Engelmars. Zu ihnen zählte im besonderen Pfarrer Richard Schneider, denn seiner Initative war es zu verdanken, dass die Leiche Pater Engelmars einzeln und nicht kollektiv verbrannt wurde. Er organisierte dieses gewagte Unternehmen, indem er sich eines ganzen Netzwerks von zuverlässigen Mittelspersonen bediente.. Es gelang ihm. Nach der Verbrennung bekam er das Säckchen mit der Asche Pater Engelmars. Daraufhin sann er auf einen Weg, einen abenteuerlichen, dieses Säckchen sicher aus dem Lager zu schmuggeln. Auch das gelang ihm. Die Asche kam, wie gesagt, nach Würzburg und wurde dort am Karfreitag 1945 in der Mariannhiller Grabanlage auf dem Friedhof in einer Urne aufbewahrt.
Bei der feierlichen Beisetzung 1968 sagte einer der ehemaligen Mithäftlinge P. Engelmars – der Benediktiner P. Sales Hess, dass er und die anderen ehemaligen Priesterhäftlinge von Dachau gekommen seien, um Zeugnis zu geben von von einem Heroismus, der das allgemein menschliche Mass überstiegen hätte. „P. Engelmar," so führte P. Sales aus, „war nicht irgend- einer der fast 3000 in Dachau inhaftierten Geistlichen; einer, der in einer Welt ohne Gott sein Leben für Christus hingab. Ja, das war er auch, aber er war mehr. Er war ein Held der Caritas und des apostolischen Eifers." Bei jener Feier in Würzburg gab es auch mehrere Stimmen, die sich für einen baldigen Seligsprechungsprozess aussprachen.
Es vergingen 22 Jahre, bis auf dem Generalkapitel der Mariannhiller Missionare 1990 in Quebec/Canada, an dem ich teilnahm, dieser Wunsch erneut zur Sprache kam. Die neugewählte Generalleitung bekam den Auftrag, zu untersuchen, welche Möglichkeiten es für eine eventuelle Seligsprechung P.Engelmars gäbe und welche Aussicht auf eine solche bestünde. Ich hatte damals alle geschäftliche Angelegenheiten zwischen unserer Kongregation und dem Vatikan zu regeln, und so habe ich bei der zuständigen Abteilung ein Informatiosgespräch beantragt. Ich legte eine Zusammenfassung von P. Engelmars Leben vor und ließ weitere Literatur, wie z. B. seine von P. Adalbert verfasste Biografie zurück. Beim nächsten Besuch war ich ganz überrascht von der begeisterten Reaktion des zuständigen Sachbearbeiters. Er meinte, der angestrebte Seligsprechungsprozess für Pater Engelmar sei eine aussgezeichnete Sache und er empfahl uns sehr, ein entsprechendes Gesuch einzureichen. Daraufhin wurde P. Wolfgang Zürrlein, Mitglied des Generalrats, vom Generalsuperior zum Postulator ernannt. P.Wolfgang brachte die Sache ins Rollen.
Das war 1990. Und wie steht es heute, 25 Jahre später um den Seligsprechungsprozess? Nun, wie üblich bei solchen Gerichtsverfahren, wo es um die vorschriftsmäßige Prüfung der Echtheit und Genauigkeit aller Einzelheiten geht, hat es auch in diesem Fall unvorhergesehene Schwierigkeiten gegeben, Rückschläge, infolge derer der Prozess zeitweilig ins Stocken geriet.
Es musste geklärt werden, unter welchem Titel Pater Engelamar seliggesprochen werden solle. Man entschied sich für „Bekenner" und reichte bei der zuständigen Kongregation einen entsprechend Antrag ein. Pater Engelmar wurde zum „verehrungswürdigen Diener Gottes" erklärt, d.h., dass sein heroischer Tugendgrad anerkannt und bestätigt und diese Nachricht im vatikanischen Mitteilungsblatt, dem Osservatore Romano veröffentlicht wurde. Als aber die Unterlagen des für eine Seligsprechung erforderlichen Wunders eingereicht wurden – in diesem Fall eine auf natürliche Weise nicht zu erklärende Heilung eines Krebskranken – gab es einen Einwand. Das sog. Wunder wurde nicht anerkannt. Warum nicht? Weil einer – nur einer – aus der eigens einberufenen Prüfungskommission der sieben Mediziner, allesamt Experten ihres Fachs, die Meinung vertrat, dass „eine natürliche Heilung des betreffenden Kranken nicht auszuschliessen sei". Die Seligsprechug Pater Engelmars als Bekenner war damit blockiert. Der Prozess ruhte bis auf weiteres.
Belebt wurde das Verfahren erst wieder, als man beschloss, Pater Engelmar als Martyrer seligzusprechen, was schon einmal die Absicht gewesen war. Ein entsprechendes Gesuch wurde eingereicht und der Prozess neu aufgerollt. Die noch lebenden Augenzeugen wurden jetzt über sein Martyrium befragt. Wieder verging eine geraume Zeit. Aber dann schalteten die „Ampeln" plötzlich auf Grün. Im Februar dieses Jahres (2015) traf die freudige Nachricht ein, dass eine Sitzung während der Vollversammlung der zuständigen vatikanischen Behörde den Beschluss gefasst habe, das Martyrium P. Engelmars anzuerkennen und zu bestätigen.
Mit dieser jüngsten Entwicklung tritt nun der Seligsprechungsprozess in seine letzte Phase ein, das heißt, er bedarf nur noch der Gutheißung der Kardinäle und der zustimmenden Unterschrift der Hl. Vaters. Bis hierher sind im Bilde. Aber wir wissen nicht, welcher Fortschritt seitdem gemacht worden ist. Immerhin besteht die Möglichkeit, dass der Diener Gottes Engelmar Unzeitig im nächsten Jahr seliggesprochen wird.
Damit steht unser verehrenswürdige Pater Engelmar heute, siebzig Jahre nach seinem Tod und siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, vor uns als eine Ikone der heroischen Liebe zu Gott und den Menschen. Dieses Bild kommt in seinem letzen Brief aus dem KZ Dachau so richtig zum Leuchten. Er schrieb ig´hn an seine leibliche Schwester, Sr. Adelhilde von den Missionsschwestern vom Kostbaren Blut. Nichts, so versichert er ihr, könne ihm seine Gelassenheit rauben. Wörtlich: „Wir alle können uns sehr wohl in Gottes Hand geborgen fühlen. Denn wie der hl. Paulus sagt: ‚Wir mögen leben oder sterben, wir sind des Herrn!' All unser Wollen und Können, was ist es anders als eine Gnade, die uns trägt und leitet. So können wir seine Ehre mehren, wenn wir seiner Gnade kein Hindernis entgegensetzen und uns restlos seinem Willen hingeben. Liebe verdoppelt die Kräfte, sie macht erfinderisch, macht innerlich frei und froh. Es ist wirklich in keines Menschen Herz gedrungen, was Gott für die bereithält, die ihn lieben. Freilich trifft auch sie die rauhe Diesseitswirklichkeit mit all dem Hasten und Jagen und dem ungestümen Wünschen und Fordern, mit ihrer Zwietracht und ihrem Hass wie ein beißender Frost Aber die Strahlen der wärmenden Sonne der Liebe des Vaters sind doch stärker und werden triumphieren. Denn unsterblich ist das Gute, und der Sieg muss Gottes bleiben, wenn es auch manchmal nutzlos erscheint, die Liebe zu verbreiten in der Welt. Wir wollen weiter alles tun und aufopfern, dass Liebe und Friede bald wieder herrschen mögen."
Das ist das letzte Zeugnis eines Mannes, von dem Jesus sagt: „Niemand hat größere Liebe, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde (Jo 15,13)." Ein Zeugnis, das als Herausforderung an uns in unserer jetzigen Zeit genau so aktuell ist wie vor 70 Jahren.
Möge der Heilige Geist die Seligsprechung des Märtyrers Engemar Unzeitig vorantreiben, damit wir bald öffentlich beten dürfen: „Seliger Engelmar, bitte für uns".

 

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