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Liebe verdoppelt die Kräfte“. Dieser Satz stammt aus einem Brief von P. Engelmar Unzeitig aus dem KZ Dachau an eine seiner leiblichen Schwestern. Wir sind nicht ganz sicher, wann er geschrieben wurde, weil er wie vier andere Briefe kein Datum trägt. Das kommt daher, daß diese Briefe ursprünglich mit anderen datierten Briefen verbunden waren. Sie wurden dann abgetrennt und den entsprechenden Adressaten zugeleitet. Aber vermutlich wurde er am 9. Juli 1944 geschrieben, da war P. Engelmar schon drei Jahre im Konzentrationslager. Dieser Brief ist vom Bischof von Würzburg als 2. Lesung für die Lesehore am Gedenktag des Sel. Märtyrers Engelmar Unzeitig (2. März) ausgewählt worden und daher nun Bestandteil der Liturgie. Ich lese einen längeren Abschnitt daraus vor:

Meine liebe Schwester!

Auch ich freute mich sehr, als ich nach langer Zeit von Dir wieder ein Lebenszeichen erhielt. Viel Schuld daran tragen vielleicht auch die gestörten Verkehrsverhältnisse. All das nimmt uns aber nicht die Gelassenheit, da wir uns alle in Gottes Hand wohl geborgen fühlen, wie der hl. Paulus sagt: "Wir mögen leben oder sterben, wir sind des Herrn" (cf. Rom 14,8). … So können wir seine Ehre mehren, wenn wir seiner Gnadenkraft kein Hindernis entgegensetzen und uns restlos an seinen Willen hingeben. Liebe verdoppelt die Kräfte, sie macht erfinderisch, macht innerlich frei und froh. Es ist wirklich "in keines Menschen Herz gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ (cf. 1 Kor 2,9). Freilich trifft auch sie die raue Diesseitswirklichkeit mit all dem Hasten und Jagen und mit den ungestümen Wünschen und Fordern, mit ihrer Zwietracht und mit ihrem Hass wie ein beißender Frost, aber die Strahlen der wärmenden Sonne der Liebe des allgütigen Vaters sind doch stärker und werden triumphieren, denn unsterblich ist das Gute und der Sieg muss Gottes bleiben, wenn es uns auch manchmal nutzlos erscheint, die Liebe zu verbreiten in der Welt. Aber man sieht doch immer wieder, dass das Menschenherz auf Liebe abgestimmt ist und dass ihrer Macht auf Dauer nichts widerstehen kann. …

Wir merken sofort, daß P. Engelmar an seinem Leiden nicht zerbrochen ist. Wenn er sagt: Liebe verdoppelt die Kräfte, dann meint er damit sowohl die Liebe Gottes wie unsere Liebe als Menschen. Fundamental ist seine Aussage: Die Strahlen der wärmenden Sonne der Liebe Gottes sind stärker. Diese Liebe wird triumphieren, denn das Gute ist unsterblich. Gott wird den Sieg davontragen, wenn es den Menschen auch manchmal nutzlos erscheint, die Liebe in dieser Welt zu verbreiten. P. Engelmar hatte ein unerschütterliches Vertrauen in die Liebe Gottes und in die Wirksamkeit dieser Liebe. Und seine eigene Liebe, unsere menschliche Liebe, sah er als ein Weitergeben dieser Liebe Gottes, auch in schwierigsten Umständen. Ja, Engelmar kannte auch die Erfahrung der scheinbaren Nutzlosigkeit seines Mühens, ein Werkzeug der Liebe Gottes zu sein. Aber sein Glaube half ihm in diesen Momenten nicht aufzugeben; er war sich sicher, am Ende trägt Gott mit seiner Liebe den Sieg über den Hass davon! Was machte seinen Glauben so stark? P. Engelmar Unzeitig sagt es selbst am Anfang dieses Briefes, wenn er Paulus aus dem Römerbrief zitiert: “Wir mögen leben oder sterben, wir sind des Herrn.“ Genau diese Gewissheit hat ihn in seinem Leiden nicht zerbrechen lassen.

Ich möchte mit Ihnen heute ein wenig darauf schauen, wie P. Engelmar sein Leiden bewältigt hat, mehr biografisch bis zu seiner Verhaftung, für die Zeit im KZ mehr aus seinen geistlichen Äußerungen in den Briefen aus der Gefangenschaft.

Mich selbst hat einmal während meines Studiums ein Schreiben von Papst Johannes Paul II sehr bewegt. Es trägt den Namen „Apostolisches Schreiben SALVIFICI DOLORIS an die Bischöfe, Priester, Ordensleute und Gläubigen der katholischen Kirche über den christlichen Sinn des menschlichen Leidens.“ Veröffentlicht wurde es am 11.Februar 1984, also etwa drei Jahre nachdem Johannes Paul II den Mordanschlag überlebt hatte. Interessant: Auch Engelmar schrieb seine obigen Zeilen nach etwa drei Jahren Erfahrung der Hölle des Konzentrationslagers Dachau. Beide hatten lange genug Zeit gehabt, über die Erfahrung des Leidens nachzudenken. Nicht nur über das allgemeine Leiden in der Welt, sondern auch über das Leiden, das sie am eigenen Leib ertragen mussten.

  • Leiden im Leben von P. Engelmar Unzeitig

Jeder Mensch hat sein eigenes Maß an Leid zu ertragen. Für Hubert Unzeitig (so sein Taufname, Engelmar war später sein Ordensname) begann dieses Leid nicht erst bei der Verhaftung durch die Gestapo.

Geboren wurde er am 1. März 1911 in Greifendorf, im Schönhengstgau, einer deutschen Sprachinsel nördlich von Brünn in der Tschechei, etwa auf halbem Weg zwischen Wien und Warschau, damals noch Teil der österreichisch - ungarischen Monarchie. Er war noch ein kleines Kind als sein Vater 1914 mit Kriegsbeginn einrücken musste. Der Vater starb schon im Januar 1916 in russischer Gefangenschaft an Typhus – wie später einmal sein Sohn im KZ Dachau! Die Mutter war alleine mit einem Sohn und vier Töchtern und viel Arbeit auf dem kleinen Bauernhof.

Mit 14 ging Hubert für ein Jahr (es war 1925) als Knecht zu einem tschechischen Bauern, auch um sein eigenes Tschechisch aufzupolieren. Der Schönhengstgau war ja nur eine Sprachinsel im tschechisch sprechenden Gebiet. Mit 15 kehrte er nach Hause zurück um der Mutter zu helfen. Die deutschsprachige Minderheit hatte es nicht leicht in der damaligen Tschechoslowakei. Wieder eine Leidenserfahrung: plötzlich wie ein Fremder sein in der eigenen Heimat!

Als er mit 17 Jahren immer stärker die Berufung zum Priester verspürte, gab es neue Schwierigkeiten: die Seminare in seiner Gegend waren alle überfüllt, für viele war er auch schon zu alt. Und er hatte bisher nur die Volksschule besucht. Geld hatte die Mutter auch keines als Witwe mit vielen Kindern. Aber die tiefgläubige Frau gab ihr Einverständnis, nachdem sie mit ihrem Sohn Hubert einen Redemptoristenpater aufgesucht hatte. Dieser unterhielt sich lange mit ihrem Sohn und sagte dann der Mutter: Lassen sie ihn studieren, hier ruft der Herrgott!

Die Oma bezog die damalige Mariannhiller Zeitschrift „Vergissmeinnicht“. Darin fand Hubert die Adresse der Mariannhiller Schule für Spätberufene in Bayern. Er bat 1928 um die Aufnahme und erwähnte auch, daß die Familie außerstande ist, das Geld zum Studium aufzubringen. Man ließ ihn trotzdem kommen.

Sehr interessant ist, was er als 17 jähriger über seine Berufung schrieb: „Ich fühlte mich gedrängt, in Christi Dienst zu treten zur Rettung der Menschenseelen. Durch die Mariannhiller Zeitschriften und Kalender auf die Mission aufmerksam gemacht, beschloss ich, mein Leben der Bekehrung der Heiden zu widmen.“ Und das hat er getan – wenn auch nicht in Afrika, wie erhofft.

Aus seiner Schulzeit in Reimlingen berichtet ein Klassenkamerad: „Als einmal von Russland die Rede war, ereiferte er sich und sagte, man sollte rechtzeitig anfangen, die russische Sprache zu lernen, um später als Missionar dort wirken zu können.“ Im KZ vertiefte er sein Russisch und diente damit russischen Gefangenen.

Im Schuljahr 1933/ 34 (da war Engelmar 22 Jahre alt und näherte sich dem Abitur) beurteilten ihn seine Lehrer so: „Offener, gerader, Vertrauen erweckender Blick. Sehr gute Begabung; guter Turner. Sehr intelligent, tiefer Denker, ausgereift, wissenshungrig, gewandt in der sprachlichen Darstellung. Hervorragender Charakter, unbedingt zuverlässig und auch im Kleinsten getreu, enorm fleißig, eine Persönlichkeit. Fürs Universitätsstudium hervorragend geeignet. Trotz seiner hohen Intelligenz sehr bescheiden und zurückhaltend und daher auch für die klösterliche Gemeinschaft gut geeignet. Führereigenschaften.“

Einen Einblick in seine Persönlichkeit gewährt auch die Erinnerung eines Klassenkameraden: „In der Religionsstunde fragte ihn einmal der Pater, worin eigentlich das Wesentliche eines Menschen bestehe, worauf es vor allem ankomme. Da antwortete Hubert sinngemäß: Die Konsequenz! Man muss konsequent sein im Leben.“ Wir wissen, wie er diese Konsequenz später gelebt hat. Auch da, wo es ihn noch tiefer ins Leid hineinführte.

Einen anderen Aspekt des Leidens in seinem Leben soll nicht unerwähnt bleiben. Das ist das Leiden an sich selber. Seine drei Jahre ältere Schwester Maria Huberta berichtete viele Jahre später: „Als dann Hitler in Deutschland an die Macht kam, hofften wir alle (gemeint sind die Sudetendeutschen), daß er uns helfen würde. Doch da sind wir alle hereingefallen; wir kannten Hitler nicht. Hubert war damals (in den dreißiger Jahren) auch der Meinung, Hitler könnte uns Sudetendeutschen helfen. Als er ihn aber später besser kannte, und wusste, was er mit der Kirche und den Juden vorhatte, da hat er seine Meinung geändert.“ Diese Schwester führte ihm in Glöckelberg den Haushalt, als er von der Gestapo verhaftet wurde. Sie trat nach dem Krieg bei den Missionsschwestern vom Kostbaren Blut ein, wo auch schon ihre jüngste Schwester 1937 eingetreten war.

Im April 1934 begann Hubert das Noviziat bei den Mariannhillern in St Paul, NL. Der Assistent des Novizenmeisters (P. Augustin Bögle) berichtet über Engelmar: „Angestoßen hat er zuweilen durch seine Einstellung zum Dritten Reich. Er sah in Hitler den Retter für sein Heimatland. Dies ist gut zu verstehen, warteten doch alle Sudentendeutsche auf die ‚Heimholung ins Reich‘. Diese Devise sagte ihm zu; nur so ist seine Haltung zum Dritten Reich zu verstehen.“

Und noch eine dritte Stimme, P. Helmut Hartmann, der mit ihm im Noviziat war und zusammen mit ihm studierte: „In der Rückerinnerung glaube ich sagen zu dürfen, daß er religiös-sittlich vorbildlich war. Politisch haben wir uns nicht verstanden. Es war die zweite Hälfte der dreißiger Jahre! Der Einmarsch in Österreich, die Angliederung der Tschechoslowakei usw. – das hat Frater Unzeitig sehr begrüßt – wegen der Unterdrückung des Deutschtums in seiner Heimat. Das kann man verstehen. Es ist aber meine feste Überzeugung, daß er ideologisch nichts mit dem Nazismus zu tun hatte.

Und sogar noch 1940 kam es in Schloss Riedegg zu einer Auseinandersetzung, von der P. Heberling später berichtet: „Als Sudentendeutscher war Pater Engelmar anfangs für Adolf Hitler eingenommen. Beim Frühstück kam es eines Tages zwischen ihm und einigen Patres aus dem Altreich zu einer Auseinandersetzung. Er meinte schließlich, wir – die anderen – hätten zu wenig Vaterlandsliebe, zu wenig Nationalempfinden. Dem widersprach ich energisch, war ich doch selbst Soldat im Ersten Weltkrieg und habe dafür das Eiserne Kreuz bekommen. Daraufhin schwieg Pater Engelmar recht betroffen. Nach einer Weile – jetzt wieder ganz ruhig – sagte er: Es tut mir leid. Ich wollte keinem zu nahe treten oder gar wehtun. Verzeiht mir.“

Ja – auch das ist ein Leiden, wenn man später realisiert, wie blind man gewesen ist. Daß es viel zu lange gedauert hat, das Böse zu durchschauen. Aber gleichzeitig ist es ein Zeichen von Größe, bereit zu sein, dazuzulernen, umzudenken, und das dann auch ganz konsequent. Wir erinnern uns an seine Antwort in der Schule auf die Frage worin eigentlich das Wesentlich eines Menschen bestehe: konsequent zu sein! Und das auch, wenn es einen ins Leiden führt. Diese bewusst gewählte Bereitschaft konsequent zu sein, half Engelmar sein Leiden im KZ zu bewältigen!

Diese Bereitschaft zur Konsequenz war auch schon sichtbar als P. Engelmar 1940 als Seelsorger im Schloss Riedegg wirkte. Dort waren auch 30 französische Kriegsgefangene untergebracht, alles Katholiken. Sie mussten als Erntehelfer in der Gegend arbeiten. An den Sonntagen feierten die Mariannhiller für sie - obwohl verboten – einen Gottesdienst und P. Engelmar vertiefte sein Französisch, um ihnen jeweils eine kleine französische Predigt halten zu können.

Am 1. Oktober 1940 wurde P. Engelmar vom Linzer Bischof Joseph Maria Gföllner zum Pfarrprovisor von Glöckelberg im Böhmerwald ernannt. Es war ein deutschsprachiges Dorf im „Generalvikariat Hohenfurth“, das damals vom Bischof von Linz verwaltet wurde. Auch dort war Engelmar wieder konsequent in seiner Verkündigung. Er war kein politischer Mensch und sicher auch kein Widerstandskämpfer, aber er stand fest zum christlichen Glauben. „Kanzelmissbrauch“ heißt es in der Gestapoakte. Und so wurde er am 21.4.1941 verhaftet. Es waren nicht ganz 7 Monate, die Engelmar Pfarrer in Glöckelberg war.

Etwa 6 Wochen war Unzeitig in der Gestapohaft in Linz, immer noch hoffend, bald wieder freigelassen zu werden, denn er war sich keiner Schuld bewusst. „Es kann sich nur um eine Missdeutung handeln“, schrieb er an seine Schwester kurz nach der Verhaftung. Und einen Monat später, am 21. Mai: „Ich hoffe doch, daß man wegen der einen Äußerung nicht schwere Strafen festsetzen wird, da ich mich doch immer als echten Deutschen gezeigt und mich in Politik nicht eingemischt habe.“ Aber da täusche er sich selber und die Nazis hatten recht: Denn aus seiner Verkündigung konnte sie klar erkennen, daß dieser frühere Sympathisant Hitlers immer seinen Glauben und die Botschaft der Kirche auch gegen die herrschende Ideologie konsequent predigen würde. Ohne Angst vor den Konsequenzen, ohne Angst vor dem Leiden aufgrund dieser Konsequenzen. Und so deportierten sie ihn im Juni 1941, er war dreißig Jahre alt, ins KZ Dachau.

Auf das Ausmaß der Leiden, die er im KZ erdulden musste, kann ich hier nicht näher eingehen. Diese sind uns auch aus anderen Zusammenhängen bekannt. Aber ich möchte nun versuchen, aus den Briefen, die er aus der Gefangenschaft heraus schrieb, ein wenig zu erspüren, wie er sein Leiden dort bewältigte.

  • Leidensbewältigung in P. Engelmars Briefen aus dem KZ

Seine Äußerungen dazu habe ich in vier Gruppen aufgeteilt, unter den Stichworten:

  • Unerschütterliches Gottvertrauen
  • Der Wunsch Christus ähnlicher zu werden
  • Er findet in seinem Herzen Gott als Glück und Quelle aller Seligkeit
  • Stellvertretende Sühne
  • Ein unerschütterliches Gottvertrauen

Noch aus der Haft in Linz schrieb er am 7.5.41: „Wir sind allezeit in Gottes Hand und er weiß alles zum Guten zu lenken.“ Am 27.7.41, nun schon aus Dachau: „Im Vertrauen auf Gott schauen wir in die Zukunft.“ Auch ein Jahr später am 5.4.42 betont er: „Gott verlässt nicht die, die auf ihn ihr Vertrauen setzen. Immer, wenn seine Getreuen in Not waren, haben sie gebetet und sind erhört worden. Darum heißt es: Mut und Vertrauen.“ Auch am 2.1.44 schreibt er: „Mit Dank zurückschauend auf alles Frohe und Leidvolle des verflossenen Jahres wollen wir wieder mit kindlichem Vertrauen in die Zukunft schauen.“

Woher kommt dieses Gottvertrauen? P. Engelmar bezieht sich einige Male auf einen Satz des Apostels Paulus aus dem Römerbrief (8,28): „Wir wissen, daß Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt.“ So schreibt er noch im Monat seiner Einlieferung ins KZ am Fest Peter und Paul 1941: „Uns alle stärkt der Gedanke, daß ohne den Willen Gottes nicht einmal ein Haar von unserem Haupte fällt und daß denen, die Gott lieben, oder sich wenigstens darum bemühen, alles zum Besten gereicht.“ Wie groß sein Vertrauen ist, sehen wir daran, daß er zu den Worten des Paulus sogar hinzufügt: „oder sich wenigstens darum bemühen“. Es geht also nicht um Perfektion auf unserer Seite, es geht nicht um ein Leistungsdenken!

Das Vertrauen in Gott konkretisiert sich bei P. Engelmar zum Vertrauen in den Willen Gottes, wie er sich auch in den Umständen des Lebens zeigt. So sagt er am 10.8.41: „Gott lenkt alles mit wunderbarer Weisheit. Wir wissen nur nicht sofort, wozu alles gut ist.“ P. Engelmar ist also überzeugt, daß selbst die schreckliche Situation, in der er sich befindet, etwas Gutes hervorbringen kann. Im Englischen gibt es den Ausdruck: the mess can become a message, and the test a testimony. Das Unglück kann zu einer Botschaft werden und die Prüfung zu einem Zeugnis! Ganz ähnlich schreibt er am 15.12.41: „Was vielleicht manchmal als Unglück erscheint, ist oft das größte Glück.“

Viele von uns werden sich wohl schwertun mit solchen Aussagen. Aber wenn wir daran denken, daß das Unglück ins KZ verschleppt zu sein ihn zum größten Glück, zur Heiligkeit geführt hat, werden wir nachdenklich!

Leicht war dies auch für P. Engelmar nicht. Am 3.5.42 schreibt er ganz ehrlich und fast vorsichtig: „Bis ins Letzte kennen wir freilich Gottes Pläne nicht, … immerhin muss er etwas ganz Besonderes vorhaben.“ P. Engelmar ist überzeugt, Gott wird ihn am Leben erhalten, wenn er noch etwas mit ihm vorhat. So am 28.6.42: „Nun bin ich überzeugt, daß Gott den Walter (also ihn) erhalten wird, wenn er noch Zukunftsaufgaben für ihn vorgesehen hat, wenn nicht, dann gilt: was Gott tut, das ist wohlgetan. Einige seiner Kameraden sollen schon in die Ewigkeit hinübergegangen sein. Gott hat ihr Lebensopfer angenommen. Sein heiliger Wille sei gepriesen.“ In der Tat, Gott hatte noch etwas mit ihm vor! Aber diese Ergebenheit in den Willen Gottes fasziniert und ist herausfordernd. Sie war auf jeden Fall eine der Quellen, mit deren Hilfe Engelmar das Leid im KZ bewältigt hat. Und er drückt sogar direkt aus, wie er ohne dieses Gottvertrauen zerbrochen wäre, am 25.7.1942: „Wenn es diese Hoffnung nicht gäbe, dann müsste man wahnsinnig werden bei all der Not des Leibes und der Seele, doch Gottes Weltregierung ist nicht sinn- und herzlos, wie manche Menschen.“

Und so beschreibt Engelmar am 4.10.42, wie er diese Zeit im KZ durchleben will: „Immer restlosere Hingabe an Gottes heiligen Willen ist unser höchstes und ja auch edelstes Bestreben.“ Auch im Jahr drauf, am 18.4.43 drückt er es ganz ähnlich aus: „Ich suche schlicht Tag für Tag und Stunde für Stunde Gottes heiligen … Willen zu erfüllen so gut ich nur kann.“ Und er fügt als Motivation hinzu: „Der Heiland gibt mir ja in diesen Kartagen auch das schönste Beispiel mit den Worten: Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Das ist also der geradeste Weg zu Gott und zum Osterglück einer seligen Auferstehung.“

An Maria Himmelfahrt 1943 schreibt er: „Wenn ich heute am Primiztag bedenke, daß ich nun schon die längere Zeit meines Priestertums herinnen verbringe, so muss man doch sagen, Gottes Wege sind wunderbar.  Ja, Gott braucht uns nicht, nur unsere Liebe, unsere Hingabe, unser Opfer.“ „Liebe. Hingabe. Opfer.“ Diese drei Worte bildeten das Thema, unter dem seine Seligsprechung im September 2016 stand. Ein Jahr später schreibt er wieder anläßlich seines Primiztages am 13.8.44: „Wenn ich an den 5. Jahrestag meiner Primiz denke, wird mir wehmütig zu Mute und doch danke ich Gott für alles Frohe und Leidvolle dieser Zeit, eingedenk des Liedes: Es kommt die Zeit, wo du begreifst, daß alles Segnung war.

Dieser letzte Satz stammt aus einem Gedicht des österreichischen Dichters Friedrich Halm, der 1806 in Krakau geboren wurde und 1871 in Wien starb. Viele Jahre war er Finanzbeamter (Regierungsrat) in Linz. Das Gedicht erschien 1850 unter dem Titel „Ermutigung“. Es war dem Vielleser Engelmar Unzeitig sicher vertraut:

Sei stark, mein Herz! – Ertrage still
Der Seele tiefes Leid;
Denk, daß der Herr es also will,
Der fesselt und befreit!

Und traf dich seine Hand auch schwer,
In Demut nimm es an;
Er legt auf keine Schulter mehr,
Als sie ertragen kann.

Er weiß es, was das Beste ist,
Er weiß es, er allein!
Er weiß, daß du bekümmert bist,
Drum gib dich mutig drein.

Was nützt dein Jammern! Fasse Mut!
Still' deiner Tränen Lauf,
Sie stacheln nur des Schmerzes Glut
Zu hellern Flammen auf.

Und wenn du Trän' auf Träne häufst,
Und weinest Jahr um Jahr,
Es kommt die Zeit, wo du begreifst,
Daß alles Segnung war.

Engelmar hat das Gottvertrauen bewahrt, auch wenn es ihm – wie sollte es anders sein – manchmal sehr schwer fiel die Pläne des Herrn zu verstehen.

Der Bischof von Würzburg, der den Seligsprechungsprozess für P. Engelmar in den neunziger Jahren eingeleitet hat, Paul Werner Scheele, gab einmal ein Buch heraus unter dem Titel: ABBA AMEN. Wer zu Gott aus tiefstem Herzen und mit Vertrauen ABBA sagen kann, der kann auch AMEN sagen. Abba und Amen fassen das Wesentliche zusammen!

  • Christus ähnlicher werden

Eine weitere Quelle, mit der Engelmar sein Leiden bewältigt, ist seine Sehnsucht, Christus immer ähnlicher zu werden, vollkommener zu werden, ja man könnte sagen heilig zu werden, obwohl er selber diesen Ausdruck nicht benutzt in seinen Briefen.

Am 7.9.41 schreibt er: „Suche die Zeit hier so gut als möglich auszunützen für die seelisch religiöse und geistige Vervollkommnung.“ Direkt Bezug auf Paulus nimmt er am Fest der Bekehrung des Paulus, am 25.1.42: „Ich hoffe auch hier für die Ewigkeit arbeiten zu können. Für Erfahrung und Anregung ist ja überall Gelegenheit und, um gleichsam ein zweiter Christus zu werden (wovon der hl. Paulus spricht), dazu ist ja ein weiter Weg.“

P. Engelmar sieht seine Versklavung im KZ Dachau wie eine Art von Exerzitien, daher von geistlichen Übungen. Er schreibt am 22.3.42: „Gott hat also den Walter (sein Deckname) in Exerzitien ganz eigener Art geführt, die der Größe und dem Ernst der Zeit entsprechen.“ Und kurz darauf, am 3.5.42 bestätigt er dies mit der Aussage, daß er und seine Mitgefangenen im KZ „von Gott selber in harter Schule gebildet werden.

Aber P. Engelmar ist nicht naiv. Er weiß um den Satz: Not lehrt beten, aber er kennt auch die Realität, daß Leid genauso zum Fluchen führen kann, zur Verzweiflung. So sagt er am 6.2.44: „Man denkt, Leid ist doch für gewöhnlich ein Führer zu Gott, aber man sieht, daß sehr schwere Heimsuchungen doch viele Laue auch zerbrechen.“

Drei Wochen bevor er sich am 11.2.45 freiwillig zum Dienst in den Typhusbaracken meldet, schreibt er am 14.1.45: „Wir dürfen ja nie vergessen, daß alles, was Gott schickt oder zulässt, alles zu unserem Besten gereichen wird. Es liegt nur an uns, daß wir alles benutzen zur Ehre Gottes und um den anderen Freude zu machen. Dann haben wir den größten Nutzen davon und das Leben wird erträglicher.“ Sogar diese Zeit im KZ, alles in dieser Leidenszeit, wollte Engelmar nutzen, um Christus ähnlicher zu werden. Wir dürfen überzeugt sein, das war auch die Motivation mit der er kurz vor dem zu erwartenden Kriegsende und der damit verbundenen Hoffnung auf Befreiung, sich dennoch das Wort Christi zu eigen machte: Keiner hat eine größere Liebe, als wer sein Leben gibt für seine Freunde, und sich freiwillig in den Typhusblock meldet. Und nichts anderes konnte ihn Christus noch ähnlicher machen. Und so hat Engelmar seine „harte Schule“, seine „Exerzitien“ im KZ gut genutzt und damit seinem Leiden einen Sinn gegeben, es spirituell bewältigt.

  • Quelle aller Seligkeit: Die Gegenwart Gottes in seinem Herzen

Ein weiteres Element, wie P. Engelmar sein Leiden spirituell bewältigt hat, wird deutlich in einem Brief vom 15.12.41: „Gott nimmt uns manches aus der Hand, was uns lieb und teuer war. Doch was geht über das Glück, Gott selbst in unserem Herzen zu wissen, der ja die Quelle aller Seligkeit und allen Friedens ist.“

Hier stoßen wir auf etwas ganz Wichtiges. Denn mit dieser Aussage stellt Engelmar fest, daß sein Glück nicht von den Umständen seines Lebens abhängt, so furchtbar diese sein mögen, sondern daß es aus seinem Herzen kommt, genauer von der Gegenwart Gottes in seinem Herzen.

Verwandt damit ist eine Äußerung am 20.5.42: „Wieviel Trost gibt uns doch das Wort der Schrift: die Leiden dieser Zeit sind gar nicht zu vergleichen mit der Himmelsseligkeit, die Gott denen bereitet hat, die ihn lieben und mit dem Frieden eines guten Gewissens.“ Die Himmelsseligkeit ist etwas Zukünftiges, von dem wir hin und wieder gleichsam „Kostproben“ erhalten. Aber der Friede des guten Gewissens ist etwas Gegenwärtiges. Er hilft Engelmar, sein Leid zu bewältigen.

Diese Erfahrung der Gegenwart Gottes ist eine Erfahrung der Liebe. So schreibt er am 6.6.43: „Im Juni suchen wir die unermessliche Erlöserliebe des göttlichen Herzens wieder mehr zu erkennen und in kindlicher Gegenliebe für Undank, Kälte und Gleichgültigkeit Ersatz (zu) leisten. Und von dieser Sicht her wird einem alles leicht und süß und Friede und Freude zieht ins Herz ein.“ Das sind gewaltige Worte eingedenk seiner Situation im KZ Dachau. Der Gedanke muss ihn umgetrieben haben in jenen Wochen, denn er wiederholt ihn gleich am 4.7.43: „Wie süß ist alles und wird alles, wenn man es einem zu Liebe zu tun sucht. Ja man kann wirklich kaum ausdrücken, wie gut und wonnig es ist, Gott zu dienen (und) für alles, sei es Frohes oder Leidvolles, zu danken.“

Mehr und mehr will er nur noch selbstlos lieben. Er formuliert am 5.4.44, was er dann ganz konsequent bis zu seinem Märtyrertod lebt: „Jetzt, wo um uns herum so vieles in Trümmer sinkt, lernt man immer mehr, daß es doch allein auf die Ewigkeit ankommt und darauf, daß wir in selbstloser Liebe Gott und um seinetwillen den Mitmenschen Freude zu machen suchen.“ Engelmar hat erkannt, daß es am Ende nur auf die Liebe ankommt und diese kann er in der Situation des KZ genauso leben wie in jeder anderen Situation. So bleibt sein Leben sinnvoll.

Er hat dies auch konkret gelebt, z.B. beim Teilen seiner Essenspakete (so notwendig zum Überleben), im Dienst an den russischen Gefangenen, ja selbst im Austausch mit einem SS Offizier, für den er eine Weile in der Verwaltung arbeiten musste.

  • Stellvertretende Sühne

Aber das ist noch nicht alles. Wir finden in seinen Briefen noch einen weiteren Gedankengang, mit dem Engelmar seinem Leiden einen Sinn gibt. Er ist wahrscheinlich am schwersten zugänglich für uns und doch darf ich ihn nicht verschweigen, wenn wir dem Zeugnis von P. Engelmar gerecht werden wollen.

Schon am 13.7.41 schreibt er: „Beten und opfern wir weiter füreinander und für die Rettung der Menschheit in Christus.“ Am 15.12.41 sagt er: „Wenn schwer Gottes Hand auf uns zu liegen scheint, dann wollen wir hoffen, daß wir dann beitragen zur Entsühnung von Schuld und Fehl.“ Gleich zweimal (am 11.1.42 und am 4.10.42) zitiert er ein der hl. Theresia zugeschriebenes Wort: „Im Übrigen tröstet mich sehr ein Wort der heiligen Theresia: Mit Worten kann man wohl Seelen unterrichten, retten kann man sie nur durch Leiden.“

Ich habe versucht dieses Zitat zu finden, das P. Engelmar aus der Erinnerung wiedergab. Es scheint mir, daß es aus einem Brief der Hl Theresia von Lisieux vom 9. Mai 1897 an den Chinamissionar P. Adolphe Roulland stammt, den sie geistlich begleitete. Darin schreibt die spätere Patronin der Weltmission: „Mein Bruder, die Anfänge Ihrer Missionsarbeit sind mit dem Siegel des Kreuzes gezeichnet; das ist eine Auszeichnung des Herrn. Er will seine Herrschaft in den Seelen weit eher durch Verfolgung und Leiden festigen als durch glänzende Predigten.“ Wir dürfen davon ausgehen, daß P. Engelmar sich von der Spiritualität der kleinen Theresia in seiner Ausbildung hat stark prägen lassen, wie so viele damals. Er sagt am 4.10.42 über die Hl. Theresia: „Ihr Fest und ihr Beispiel stärken meine Seele immer sehr.

Ein weiteres Beispiel vom 21.5.44: „Gott schenkt mir weiter das Leben, daß ich ihm näher komme und Buße tue für meine und der Mitmenschen Sünde. Ach wie gering ist doch alles, was man da tun kann in Anbetracht der furchtbaren religiösen Kälte und Gottvergessenheit.“ Und im nächsten Monat am 25.6.44 schreibt er, ja er schreit es fast hinaus: „Ach könnte ich doch durch grenzenlose Liebe und Sühne die entsetzliche Schuld der Menschen gut machen.“

Uns mit Gott versöhnen kann nur Christus. Wir bekennen in der Fastenzeit immer wieder: Er hat unsere Schuld auf sich geladen, auf sich genommen und hat an unserer statt gelitten. Wie geht es dann, daß Engelmar meint, er könne gleichsam wie Jesus stellvertretend Sühne tun für die Sünden anderer Menschen? Engelmar deutet es in seinen Briefen an. Es geht um ein Zitat aus dem Kolosserbrief 1,24: »Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben, was an den Leiden Christi noch fehlt«. P. Engelmar schreibt unter Bezug auf dieses Wort der Schrift am 8.3.42: „Es freut mich, daß Engelmar auch in seiner jetzigen Stellung manches Gutes tun kann, ja vielleicht das Größte in seinem Leben, daß er, wie Paulus sagt, ergänzen kann, was an den Leiden Christi noch mangelt.“ Und im gleichen Monat am 22.3.42: „Ich freue mich, daß ich unserem Herrn und Erlöser etwas helfen darf in der Rettung der Seelen.“

P. Christoph Eisentraut CMM

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